| 1. Der Anfang 1879 |
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Der
Ringkampf in Bayern hatte
Ende des letzten Jahrhunderts seinen Ursprung selbstverständlich in der
bayerischen Landeshauptstadt München. Seine Majestät König Ludwig II.
von Bayern residierte selbstherrlich in seinem Märchenschloß, das
Industriezeitalter stand bereits in den Kinderschuhen und in den Großstädten
hatten die Fabrikarbeiter und Handwerker trotz 70-Stundenwoche an den
Wochenenden, im Gegensatz zur Landbevölkerung, bereits
"sinnvolle" Freizeitgestaltung vor Augen. Die
jungen Turnvereine waren die Vorreiter bei den Sportvereinen im Deutschen
Kaiserreich und damit auch im Königreich Bayern. In den Turnvereinen
entstand auch der sogenannte Turner-Ringkampf.
Hans
Steyrer, Wirt in der Münchner Lindwurmstraße, hatte den Ruf eines
"Bayerischen Herkules" und mußte sich deshalb gegen alle
Herausforderer im Fingerhakeln, im einfingerigen Steinheben, im Faßstemmen
und im deutschen Ringkampf messen. Aus dem bayerischen Oberland und selbst
aus Wien reisten Gleichgesinnte an, um mit dem kräftigen Münchner Wirt
zu wetteifern. Im „Metzgerbräu“ im Tal soll Steyrer einen Granitstein
mit 264 kg mit einer Hand gehoben haben. Eine Leistung, die bis 1950 nicht
überboten wurde. Der Stein soll bis zu dieser Zeit im „Metzgerbräu“
vergeblich auf einen würdigen Nachfolger gewartet haben. Bei meinen
Reserchen in München konnte ich die Gastwirtschaft nach vielen Nachfragen
doch noch finden. Zwischen Rathaus und Isartor befand sich vom
Viktualienmarkt kommend der ehemalige Metzgerbräu im Tal Nr. 26 bis 28
auf der rechten Seite. Der inzwischen heruntergekommene Aussenputz läßt
längst vergangene bessere Zeiten nur noch erahnen. 1981 wurde das Lokal
aufgegeben und im linken Teil befindet sich jetzt das Restaurant „Der
kleine Chinese“. Das
griechisch-römisch Ringen
war den Münchnern damals noch unbekannt. Man übte nur den bereits erwähnten
Turner-Ringkampf, identisch auch mit dem als deutsches Flachringen
bezeichneten Zweikampf, aus. Kampfbeginn war immer im Stand, eine
angeordnete Bodenlage oder einen Bodenkampf gab es nicht. Wer „flach
lag“ hatte verloren, wovon offensichtlich auch die ungewöhnliche
Bezeichnung stammte. Im Liegen wurde also vor der Jahrhundertwende bei den
Ringern nicht mehr weitergekämpft! Erst
im Jahr 1891 hegte man Überlegungen, ob man anstelle dieses deutschen
Ringkampfes nicht doch den immer populärer werdenden griechisch-römischen
Ringkampf der Skandinavier einführen sollte. Parallel entwickelten
sich Freistil und der fälschlicherweise jetzt als klassischer Stil bezeichnete griechisch-römische Stil. Die
Zünfte der Braumeister, Bäcker und Metzger organisierten aufgrund eines
fehlenden Dachorganes in Bayern und Deutschland ihre eigenen Wettkämpfe
und bereits 1879 wurde im
Gasthaus "Zum Rheingold"
am Glockenbach der Stemm-Club München
und kurz darauf der MTV München (Häberlstraße) aus der Taufe
gehoben. Es folgte 1881 der 1.
Athleten-Club München wiederum im Gasthaus "Zum Rheingold".
„1.
Athleten-Club“ war von nun an ein geläufiger Vereinsnamenzusatz.
In ganz Süddeutschland schossen die Neugründungen von
Kraftsportvereinen wie Pilze aus dem Boden. Die ersten dokumentierten Münchner
Meisterschaften im Ringen und Gewichtheben konnten somit am 17.6.1882 im
Gasthaus "Wagnersaal"
in der Barerstraße 16 durchgeführt werden. Das Lokal befand sich in
unmittelbarer Nähe des Obelisken beim Rondell am Karolinenplatz. Dort ist
anstelle der Gasthauses inzwischen die Bayerische Landesbank
untergebracht. 1883 folgte in München der "Süddeutsche
Athleten-Club" und 1885 der Athleten-Club
Bavaria München. Das
Lokalblatt „Das
Sonntagskind“ des
Herausgebers Josef Haupt brachte die starken Männer aus München in Wort
und Bild wieder. 1893 taufte Haupt sein Blatt in „Illustrierte
Athletenzeitung“ um. Dies
war das erste schwerathletische Fachorgan in Bayern. Richtig
ausgelöst wurde der Boom jedoch
durch zwei Nordlichter mit dem Vornamen Carl. Als der 103 kg schwere
Mecklenburger Carl Abs am 18. Mai
1884 in New York mit einem Sieg über William Muldoon die erste offizielle
Weltmeisterschaft holte, bekam der Ringkampf in Deutschland immer mehr Anhänger.
Der 1,84 m große Modellathlet arbeitete als Zimmermann in Hamburg und war
für alle Hanseaten eine Sensation. Abs soll Mitglied im ersten
Ringerverein Deutschlands gewesen sein, dem Wandsbeker Athleten-Club von
1879. Ob der MTV München oder der Wandsbeker Verein den Titel des ältesten
Vereins führen darf, ist nur schwer zu klären, da mir das korrekte Gründungsmonat
nicht bekannt ist. Für 100 Goldmark besiegte Abs 1882 im Carl-Schulze
Theater in Hamburg den „Eisernen Wilhelm“. Anstatt Balken zu schleppen
wurde er nun Berufsringer und eilte von Erfolg zu Erfolg. Im
Juni 1894 fand im Münchner Cirkus Bavaria ein Ringkampf zwischen Carl Abs
und dem Griechen Antonio Pierri statt. Der Ringkampf bekam dadurch in
Bayern eine weitere Anhängerschar und besonders im Münchner Westend kam
es zu Neugründungen. Der Cirkus Bavaria befand sich unterhalb des
Pollingerkellers, jetzt Hackerbräukeller. Die
Krönung schaffte aber der Kölner Carl
Schuhmann im Jahr 1896. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit
holte der Turner und Ringer in den Gerätewettbewerben drei Goldmedaillen
und stand auch im Ringkampf auf dem höchsten Treppchen. Carl Schuhmann
sorgte mit seinem Olympiasieg für eine Euphorie und die Geburtsstunde
weiterer zahlreicher Ringervereine in Deutschland. Nachdem
im Cirkus-Bavaria immer wieder
professionelle Ringkämpfe ausgetragen wurden, entstanden aufgrund der
berufsmäßigen Vorbilder in der Isarmetropole in kürzester Zeit 40
klangvolle Ringervereine, die aber überwiegend auch ebenso schnell wieder
in der Versenkung verschwanden. Da die kräftigsten und stärksten Männer
natürlich auch großes Selbstvertrauen hatten, suchten sie oft ihr Glück
in Amerika und so wanderten viele der Ringer und Gewichtheber per Schiff
nach Übersee aus. Im fernen Amerika war der Sezessionskrieg seit fast 20
Jahren beendet und kräftige Hände konnten dort natürlich gebraucht
werden.
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