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BRV-Präsident Manfred Werner im Interview - Hochschulstudent Kaan Sibik hat Fragen ... Drucken

Stefan Günter    26.07.13

Kaan Sibik ist Journalismus-Student im vierten Semester an der Makromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München. Im Rahmen des Seminars „Regionale Sportberichterstattung“ wurde Sibik auf das mögliche Olympia-Aus aufmerksam. Für Sibik geht es konkret, wie es allgemein um den Ringkampfsport in Bayern geht. In einer Interview-Anfrage an den BRV-Präsidenten Manfred Werner wollen wir nun die Antworten des bayerischen Ringerchefs bekanntgeben.

 

Wie steht es derzeit um den Ringersport in Bayern? Gab es schon erste Auswirkungen vom eventuellen Olympia Aus?

 

Werner: „Im Bayerischen Ringer-Verband stehen wir gut da, selbstverständlich kann man sich das eine oder andere noch besser wünschen bzw. vorstellen, das ist so im Leben. Wir können auf eine beachtliche Anzahl von 91 Vereinen mit langer Ringer-Tradition aufbauen, davon über 2/3 im Ligenbetrieb des BRV und in den bayerischen Bezirken. Ringen ist auch bei uns kein Volkssport, das ist klar. Aber in den lokalen Ringerhochburgen hat die Sportart eine enorme Anziehungskraft und trägt sehr stark zur Identifikation bei. Besuchen Sie mal ein Lokalderby in der 1. oder 2. Bundesliga: das ist Emotion pur, Freude an der Athletik und Ästhetik dieser Sportart. Das mögliche Olympia-Aus hat nach meiner Einschätzung keinerlei negative Auswirkungen gezeigt, im Gegenteil: Die Ringerfamilie rückte sehr viel enger zusammen und zeigt sich umso mehr engagiert. Das war vielleicht ein heilsamer Schock für uns alle“

 

Was kann man in Zukunft von Ringen in Bayern erwarten?

 

Werner: „Wir führen seit dem Jahr 2000 die Länder-Gesamtwertung in Deutschland an - was Altersklassen, Stilarten, Männer und Frauen betrifft. Und kürzlich haben wir sogar die besonders hart umkämpfte Kategorie der Männer im griechisch-römischen Stil für uns entschieden. Und auch bei den Junioren haben wir großes Potential. Das zeigt: Wir haben nicht nur ein klasse Feld an Vereinen und Athleten in der aktuellen Spitze, sondern wir sind auch gut für die nahe Zukunft aufgestellt“. Allerdings darf man in seinem Wirken nie nachlassen und das werden wir nicht tun.

 

Was unternehmen die Vereine bzw. der Bayerische Verband um das Ringen jungen Menschen interessant zu machen?

 

Werner: „Entscheidend ist zunächst die Arbeit in den Vereinen. Hier kommt es darauf an, junge Menschen für den Ringkampfsport zu begeistern. Das geht zunächst über die außergewöhnliche körperliche Fitness, die sich ein angehender Ringer schon nach kurzer Zeit erwirbt. Das hat aber natürlich auch viel mit dem Umfeld zu tun. Da wir nicht übermäßig in den Medien präsent sind, ist es umso wichtiger, dass es für die Trainingsmühen auch schnell Anerkennung im gesellschaftlichen Umfeld gibt. Und das machen unsere Vereine hervorragend, denn es zählt gerade in den Ringerhochburgen sehr viel, auf der Matte seine Frau und seinen Mann zu stehen. Vom Verband aus verfolgen wir zwei Strategien, die sowohl auf den Breiten- als auch auf den Spitzensport zielen. Im Breitensport unterstützen und initiieren wir beispielsweise Kooperationen mit Schulen und Workshops, die auf die Integration von sozial schwachen Jugendlichen oder Jugendlichen mit Migrationshintergrund zielen“.

 

In der Jahresstatistik des BLSV hat der Bayerische Ringer-Verband 2064 Mitglieder in der Altersgruppe 6-13. Zwischen 14- 17 sind es nur noch 891. Gibt es eine Erklärung dafür? Hängt das vielleicht damit zusammen, dass es keine richtigen "Stars"  gibt in Deutschland?

 

Werner: „Das hat viele Gründe. Der offensichtlichste ist natürlich der, dass in der zweiten Altersgruppe die schulischen Anforderungen steigen und auch weitere Aktivitäten in Konkurrenz zum durchaus ja anspruchsvollen Ringer-Training stehen. Den gleichen Effekt spüren auch andere Sportarten, selbst die Jugendfeuerwehren oder andere Organisationen. Der Star-Effekt ist ein interessanter Gedanke, da mag etwas dran sein. Zumindest in den Anfangsjahren einer Ringerkarriere zählen vor allem die lokalen Stars, und die hat jeder Verein. Denen nachzueifern ist die mit wichtigste Motivation für die jungen Leute“.

 

Zum Thema Olympia: Warum gehört Ringen unbedingt zu Olympia?

 

Werner: „Ringen ist eine der drei Sportarten, mit denen Olympia einst an den Start gegangen ist und bietet ein ungewöhnlich hohes Maß an Athletik und Ästhetik. Es ist ein sehr unmittelbarer Kampf Mann gegen Mann und zunehmend Frau gegen Frau. Fitness und Kraft, Geschicklichkeit und Taktik, Siegeswillen und Fairness müssen eine gelungene Mischung eingehen, sonst wird das nichts. Es kommt hinzu, dass Ringen in über 177 Ländern weltweit eine bedeutende Position einnimmt. In vielen Ländern - beispielsweise in den USA, vor allem aber in vielen östlichen Ländern wie Aserbaidschan, Georgien, Russland, Türkei, Bulgarien etc. - zählt es zu den Volkssportarten und wird dort mit bei uns fast unvorstellbarer Leidenschaft gepflegt. Also: Ringen ist nicht nur ein sportliches Erbe der Menschheit, sondern auch weltweit verbreitete Leidenschaft“

 

Das Aus droht wegen schlechten Vergleichswerten- warum hatte Ringen gegenüber vielen anderen Sportarten das Nachsehen?

 

Werner: „Hier muss ich offen sagen, dass vor allem die frühere Führung unseres globalen Dachverbandes FILA sehr nachlässig gearbeitet hatte. Ohne die nationalen Verbände einzubeziehen oder auch nur zu informieren, waren die geforderten Antworten an die zuständige IOC-Kommission geliefert worden. Die FILA hat sich offensichtlich zu sehr auf das Pfund des ewigen Olympia-Teilnehmers verlassen und die Zeichen der Zeit nicht erkannt“.

 

Nach der Bekanntgabe hat der Internationale Ringerverband schnell reagiert. Prominente haben sich für einen Verbleib ausgesprochen und Unterschriften wurden gesammelt. Dem Ringerverband wurde purer Aktionismus vorgeworfen. Hat man sich vorher keine Gedanken über Reformen gemacht?

 

Werner: „Zunächst: Dem Ringerverband Aktionismus vorzuwerfen kann nur von jemandem kommen, der unsere Tätigkeiten der letzten Monate nicht wirklich kennt oder bewusst einseitig bewertet. Vor allem im Deutschen Ringer-Bund haben wir nicht nur eine Aktion auf unserer Internetseite mit inzwischen weit über 130 000 Unterstützern erfolgreich gestartet und so auch der deutschen Sportpolitik signalisiert, dass Ringen keine Randsportart ist. Mindestens so wichtig aber waren unzählige Schriftverkehre, Treffen und Abstimmungen mit allen zuständigen Gremien im Sport und in der Politik auf nationaler und internationaler Ebene. Das drohende Olympia-Aus hat die Ringerwelt international zusammengeschweißt. Im Vorstand des DRB haben wir beispielsweise mit dem IOC-Vize Dr. Thomas Bach laufend Kontakt gehalten, seit der Bekanntgabe im Februar. Wir haben uns mit dem neuen FILA-Präsidenten getroffen, ich selbst war im Sportausschuss  des Deutschen Bundestages - um nur einige Highlights zu nennen“.

 

Werner: „Zu den Reformen: Im Grunde haben wir auf nationaler und internationaler Ebene seit vielen Jahren laufend Reformen am Regelwerk vorgenommen. Wir waren z.B. eine der ersten Sportarten, die im Jahr 1995 den Videobeweis einführte. Ziel war immer, die Kämpfe attraktiver zu gestalten. Manches davon hat gut funktioniert, manches weniger. Zugegeben: Wir haben vielleicht zu wenig über den Tellerrand hinausgeschaut und sind manchmal nicht konsequent genug an die Sache herangegangen. Unter der neuen FILA-Führung wird das Thema jetzt sehr viel grundsätzlicher angegangen. Wir wissen, dass wir ein sehr gutes "Grund-Produkt" auch für die Medien und ein breites Publikum haben. Nun kommt es darauf an, dies auch verständlich und attraktiv zu verpacken - ohne dass wir nur auf Quoten schauen und die Substanz dieser schönen Kampfsportart verkaufen“.

 

Glauben sie, die vorgeschlagenen Reformen können ausreichen, um mehr Zuschauer (TV-Quote) anzulocken und damit die IOC endgültig zu überzeugen? Was muss noch getan werden?

 

Werner: „Einen ersten Teilerfolg haben wir ja im Mai in St. Petersburg erzielt - wir sind weiterhin im Rennen. Mit den vorgeschlagenen Reformen, die sich zum einen auf die Wettkampfregeln und damit auf die Attraktivität beziehen, zum anderen aber auch auf die internationale Organisation, die transparenter und effizienter werden soll, sind wir meines Erachtens sehr gut unterwegs. Ich bin vorsichtig optimistisch. Wichtig ist mir aber: Wir dürfen diesen neuen Geist der Reformfähigkeit und des Willens in Zukunft nicht mehr einschlafen lassen. Wir machen mit den Reformen sehr gute Schritte in die richtige Richtung. Aber in der modernen Sport- und Medienwelt ist man nie an einem Ziel angelangt“.

 

Ein Kriterium für den Ausschluss war die niedrige Frauenquote. Warum gibt es im Ringen so wenige weibliche Sportlerinnen?

 

Werner: „Dieser Kritikpunkt bezog sich nicht auf weibliche Aktive. In diesem Punkt sind wir in Bayern und Deutschland noch verhältnismäßig gut aufgestellt. Und schauen Sie sich Frauen-Ringen doch an: Das sportliche Niveau ist inzwischen mit dem unseres hervorragende Frauenfußballs zu vergleichen. Er bezog sich auf weibliche Vertreter in den internationalen Ringergremien. Hier hat die FILA schnell reagiert, wir haben inzwischen zwei Frauen auf hochrangigen Posten. Aber auch hier gilt: Das ist eine permanente Aufgabe“.

 

Die Kriterien waren weitestgehend kommerziell ausgerichtet (TV-Quote, Vermarktung...etc). Werden die Olympischen Spiele immer kommerzieller und gerät dadurch der sportliche Gedanke immer weiter in den Hintergrund?

 

Werner: „Im Fragenkatalog des IOC ging es unter anderem um diese Aspekte. Wir dürfen uns freilich keinen Illusionen hingeben: Kommerzielle Kriterien spielen bei Olympia eine wesentliche Rolle. Davon lebt das Ganze. Es gilt aber auch: Ohne sportlichen Glanz gibt es keinen kommerziellen Erfolg. Beides in einer guten Balance zu halten, ist mit Erfolg die Kunst. Für den Ringkampfsport sehe ich uns derzeit in diesem Zielkorridor“.

 

 
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